Der Tod und das Mädchen von Christiane Tureczek

Christiane Tureczek: www.sculpture-culture.com

Bericht von Hallo München

auch diesmal wurde das Kunstwerk von Giesinger Bürgen umgestaltet

Der Tod und das Mädchen von Christiane Tureczek bildet Teil des 2009 in Roveredo/Schweiz realisierten Werkzyklus memento mundi. Sieben weiss bemalte Baumleichen, Skulpturen aus Holz, jede nach einem grossen Kulturzeugnis der Menschheit benannt, jede ein Opfer eines Naturereignisses, sind in einem leicht den  Hügel hinaufsteigenden, ins Gras gebrannten Kreis arrangiert, der dem Zuschauerraum eines Amphitheaters nachempfunden ist. Die einzelnen Darsteller tragen rote Tierschädel, an Masken der griechischen Tragödien erinnernd. Der Betrachter der Installation steht als Zuschauer im Bühnenraum und wird damit auch bildhaft selbst zum Akteur dieses Weltentheaters der Naturkatastrophen, zu dem wir durch unsere allzu einseitig aus Ausschlachtung der Ressourcen bedachte Lebensführung alle unseren Beitrag leisten.

Die Skulptur Der Tod und das Mädchen ist eine von einem Blitzschlag getroffene Kastanie. Aussen deckend weiss bemalt, erinnert die schmale Figur an ein junges Mädchen im Brautkleid. Innen allerdings brechen unter der weissen Patina die zum Teil verkohlten, zum Teil von Insekten befallenen ursprünglichen Strukturen des Holzes durch und lassen an von Krebs befallenes Gewebe denken. Anstelle eines eigenen Kopfes blickt – quasi über die Schulter des Mädchens – der rot bemalte, gehörnte Schädel des Todes, welcher das Mädchen vermeintlich lockt, in Tat und Wahrheit jedoch längst von ihr Besitz genommen hat.

Damit bezieht sich die Skulptur von Christiane Tureczek in ihrer Bildsprache auf das Lied Der Tod und das Mädchen, welches  Franz Schubert 1817 nach dem 1775 geschriebenen Gedicht „Das Mädchen“ von Matthias Claudius (1740–1815) komponiert hat:

Das Mädchen:

Vorüber! Ach vorüber!

Geh, wilder Knochenmann!

Ich bin noch jung, geh Lieber!

Und rühre mich nicht an.

Der Tod:

Gib deine Hand, du schön und zart Gebild!

Bin Freund und komme nicht zu strafen.

Sei gutes Muts! ich bin nicht wild,

Sollst sanft in meinen Armen schlafen!

Mit der Darstellung des Todes als sanfter Freund, dem im Dialog das sich wehrende Mädchen gegenübersteht, steht das Gedicht in der Tradition der Romantik. Es wurde als Sujet der bildenden Kunst und der Musik bis heute immer wieder aufgegriffen, so unter anderem von Egon Schiele  (Gemälde), von Martin Walser („Brandung“, Roman), Michel Tournier („La jeune fille et la mort“, Novelle), von Ariel Dorfmans („Death and the Maiden“, Theater), von Roman Polanski verfilmt und jüngst im Opernhaus Zürich als Balett inszeniert sowie in St. Pölten als Liederabend aufgeführt. Schliesslich geistert aktuell ein Internet Comic durch die Internet-Welt, womit die Aktualität des Themas wohl hinlänglich bewiesen ist.

Indem Christiane Tureczek für ihren Gedenkreigen an kulturelle Höchstleistungen des Menschen halb dem Verfall preis gegebene Baumleichen als Skulpturen wählt, verstärkt sie das Schaudern, das uns Menschen beim Zusammentreffen eines jungen Mädchens mit dem Tod befällt, und weist darauf hin, wie stark vom Zerfall bedroht auch unsere kulturellen Errungenschaften sind, wenn wir nicht endlich einen respektvollen und schonungsreichen Umgang mit der uns umgebenden und nährenden Natur finden.

Torre/Dangio, 3. September 2010

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